Die Diagnose - Endometriose aus Sicht einer Betroffenen

Heute ist Tag der Endometriose, ein Tag, der der Aufklärung und Sensibilisierung für diese chronische Erkrankung, die etwa 10% der Menstruierenden in Deutschland betrifft, dient.


Statt medizinischer Aufklärung, die wir ja sonst hier und auf Instagram betreiben, möchte ich heute mit euch meine persönlichen Gefühle direkt nach meiner Endometriose Diagnose im Januar 2021 teilen. Den Text habe ich direkt nach der OP geschrieben, als die Erinnerung noch frisch war.


!!!Trigger Warnung!!!


Insbesondere dann, wenn du selbst Endometriose oder eine andere Krankheit hast, kann dieser Text triggering sein. Lies ihn in diesem Fall am besten nicht alleine durch und wende dich an eine Person deines Vertrauens. Du kannst auch immer gerne mit uns in Kontakt treten, wir sind für dich da.


Die Diagnose mit Endometriose ist ein sehr subjektives Erlebnis. Eine Sache, die ich mittlerweile gelernt habe ist, dass sie definitiv nicht das Ende bedeutet, auch wenn es sich am Anfang so anfühlte. Durch sie habe ich tausend neue Dinge gelernt, mein eigenes Unternehmen gegründet und unfassbar tolle und inspirierende Menschen kennengelernt. Ja, es war eine Umstellung und eine Veränderung, aber nicht alles daran war schlecht.


Eine meiner größten Sorgen war die Behandlung. Im letzten Jahr hatte ich eine sehr schlechte Erfahrung mit Hormonen, die mir eigentlich bei meinen Schmerzen helfen sollten, bei mir aber zu Panikattacken und Suizidgedanken führten. Ich hatte tierische Angst, dass es wieder dazu kommen würde (bisher ist es das glücklicherweise nicht).


Aber es gab eben auch viel positives, das mit der Endometriose Diagnose einherging. Sie war auch eine Erleichterung. Denn ich wusste, dass ich krank bin, lange bevor Ärzt*innen es mir geglaubt und schließlich bestätigt haben und endlich wurde meine Krankheit anerkannt. Aber genug Vorspiel, hier ist der Text:



Die Diagnose


"Wir haben einen Endometrioseherd gefunden", sagt die junge Ärztin mit den ernsten blauen Augen.

Erleichterung.

Und Unsicherheit.


Mir ist kalt. Mein Körper wund. Mein Gehirn umnebelt. Übelkeit. Gott tut mein Bauch weh.

Nur langsam lässt die Narkose von mir ab und in meinen Gedanken umspielen widersprüchliche Gefühle einander wie fallende Blätter.


Seit zweieinhalb Jahren Beschwerden. Müdigkeit. Müdigkeit. Und Schmerz. Und eine tiefe Schwärze, mit Panik versetzt. Müdigkeit. So müde.

Reiß dich zusammen. Freu dich. Du wirst endlich ernst genommen, du wirst gehört, es gibt einen Grund für all das. Aber mir ist so kalt.


Verdammt hält sich die Narkose hartnäckig.


Ich höre in mich. Horche auf meinen Körper. Die Schmerzmittel bilden noch einen Graben zwischen mir und den Nachwirkungen der OP, aber ich höre ihre Schreie bereits vom anderen Ufer zu mir dringen.


Endometriose. Wie ich es mir so lange gedacht hatte. Wie ich so lange verschiedenen Ärzten in verschiedenen Praxen und Kliniken gesagt hatte. Ich kenne meinen Körper besser als ihr, denke ich mit zufriedenem Knurren. Ich wusste es.

Und was bin ich erleichtert. Ich dachte ich bilde es mir nur ein, dachte, ich wäre verrückt.

Ich bin so erleichtert, so glücklich.


Aber

Aber ich habe Endometriose.

Chronisch.

Schmerzhaft.

Unfruchtbar?

Meine Zukunft bekommt Risse, das Unglück folgt nicht auf des Spiegels zerspringen, es verursacht es. Die Blätter kreisen und kreisen und fallen immer tiefer. Behandlung durch Hormone? Vertrag ich nicht. Verdammt, aber was dann? Ich kann das nicht, nicht nochmal, nicht wenn nur Dunkelheit und Schmerz und Panik und Tod dort auf mich warten. Ich muss atmen und leben, nicht versinken in tintenschwarzen Pixeln ohne Bedeutung, ohne Sinn, ohne Befriedigung.

Ich muss atmen.

Atmen.

Atme.


Ich atme ein und atme aus. Ich lebe. Ich werde weiterleben. Ich werde die Bäume fällen und den freien Himmel sehen und seine Spiegelung in einem klaren See erblicken. Keine Risse, nur Wellen. Ruhige Kreise. Blau, nicht Schwarz. Leben, nicht Tod. Leben.

"Wir haben einen Endometrioseherd gefunden", sagt die junge Ärztin mit den schönen blauen Augen.

Ich nicke.


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